Mittwoch, 31. Dezember 2003
der Horror zwischen den Jahren
Alle Jahre wieder: Die Hausfrau muss einkaufen. Der Gatte hat Urlaub und langweilt sich. Also fährt er mit zum Supermarkt. Hier spielen sich dann erschütternde Szenen ab.
Überall in den Gängen stehen desorientierte Männer, die offenbar nie vorher einen Supermarkt betreten haben. Sie klammern sich an einen Einkaufswagen und suchen verzweifelt nach ihrer Frau. Den Wagen positionieren sie strategisch in der Mitte eines Ganges, da sie sich weder vor noch zurück trauen, um sich nicht noch tiefer im Labyrinth zu verstricken. In breiteren Gängen stellen sie den Wagen quer.
Vor den Milchprodukten streiten die Ehepaare, die sich noch nicht verloren haben. Er reicht ihr einen Joghurt. Sie stellt ihn (den Joghurt, nicht den Mann) zurück und nimmt einen anderen, der absolut gleich aussieht. Während sich dieser Vorgang wie in einer Endlosschleife zu wiederholen scheint, wechseln auf seinem Gesicht Unverständnis, Hilflosigkeit und Panik. Gleichzeitig versucht sie verzweifelt, den Einkaufswagen frei von überlagerten Produkten zu halten.
Vor dem nächsten Regal treiben die Waschpulverpreise dem Mann das blanke Entsetzen ins Gesicht. „Brauchen wir das wirklich?“ „Musst Du denn so oft waschen?“ Die Frau ist sichtlich genervt. Bedeutet doch der Einkauf mit einem Ehemann weitaus mehr Stress als mit drei Kindern.
An den Kassen schlangen sich abgestellte Ehemänner, deren Frauen den restlichen Einkauf alleine zu erledigen versuchen.
Einkaufende Singles vollbringen wahre Hindernisläufe. Bloß keinen Mann ansprechen, er reagiert panisch und könnte einen Herzinfarkt erleiden. Bloß keine Frau anrempeln, sie ist gereizt, übernervös und könnte zurückschlagen.
Hoffentlich gehören die Läden bald wieder denjenigen, die regelmäßig einkaufen!
Dienstag, 10. Januar 2006
Behörden-Logik
Ich brauche eine Auskunft von einer Behörde in Neudorf*. Also suche ich die Nummer aus dem entsprechenden Telefonbuch und rufe an. Es meldet sich eine Dame, und ich trage mein Anliegen vor.
Dame: „Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, das betrifft ja Neudorf. Ich bin in Mondstadt*.“
„Aber wieso? Ich habe die Nummer doch aus dem Neudorfer Telefonbuch?!“
Dame: „Ja, wenn Sie in Neudorf anrufen, werden Sie immer nach Mondstadt verbunden.“
„Aha. Und wie komme ich dann an die Auskunft?“
Dame: „Da müssen Sie in Neudorf anrufen.“
* Namen geändert
Mittwoch, 20. September 2006
Neues aus der Kantine
Heute kredenzte uns der Koch folgendes unter dem Namen „Nasi Goreng“: Eine Gemüsesuppe, so eine Art geschmacksneutrales Pekinggulasch, mit etwas Hühnerfleisch, serviert neben körnigem Langkornreis auf einem flachen Teller.
Als ich verwirrt die Austeilfrau fragte, ob ich vielleicht am falschen Schalter anstehe, erklärte sie mir: „Das ist ein chinesisches Gericht.“ Ob die Chinesen davon wissen?
Ich will ja gar nicht ausschließen, dass diese Kreation dem einen oder anderen anspruchslosen Kollegen geschmeckt haben könnte. Aber warum nennt der Koch das „Nasi Goreng“?
Trotzdem muss ich es wohl als Fortschritt werten. Immerhin waren dieses Mal keine Nudeln drin und kein Spiegelei drauf.
Dienstag, 20. Februar 2007
mein schönstes Ferienerlebnis
mit einem geliehenen Smartphone
Ich befinde mich zusammen mit einem mir völlig unbekannten Amerikaner in einem Shopping Center am Rande Londons. Unter anderem will ich ein T-Shirt kaufen, das ich jedoch anprobieren muss, weil mir die englischen Größen nicht geläufig sind.
Arglos folge ich dem Schild „try it on“ zu einer riesigen Umkleideanlage. Eine Dame erklärt mir freundlich aber bestimmt, dass ich vor der Herren-Umkleide stehe und schickt mich ans entgegen gesetzte Ende des Ladens.
Dort angekommen steuere ich vorbei an einem verwaisten Tresen auf eine freie Kabine zu. Upps, das war zu schnell. Eine aufgeregte Servicekraft rennt auf mich zu und entschuldigt sich wortreich dafür, dass sie für einen kurzen Moment ihren Posten verlassen hatte. Sie zählt meine T-Shirts, drückt mir ein Schild mit einer „2“ in die Hand und weist mir eine Kabine zu, nicht ohne mir weitere Hilfe anzubieten.
Der Amerikaner darf nicht mit. Selbst sein anfängliches Herumlungern vor der Anlage wird mit Argwohn betrachtet. Hier ist nur für Damen! Jetzt wird mir klar, warum so viele Engländer seltsam gekleidet sind. Sofern nicht schwul, haben sie keinerlei Chance, das gewählte Outfit von ihrem Partner begutachten zu lassen.
Inzwischen habe ich Mantel, Brille und Pullover abgelegt, da spielt meine Handtasche „Toccata und Fuge“*. Ich öffne die Klappe meiner Tasche, dann den Reißverschluss des Hauptfaches, entnehme das Handyetui und ziehe das Handy heraus. Ohne Brille kann ich nicht erkennen, wie man einen Anruf entgegennimmt.
Eine gemeinsame Freundin ist dran und möchte dringend den Amerikaner sprechen. Wenn ich jetzt im Unterhemd aus der Kabine laufe, werde ich bestimmt verhaftet. Um den Rollkragenpullover wieder anzuziehen, müsste ich erneut die Brille abnehmen. Ich ziehe nur den Mantel über.
Im offenen Mantel und lautstark in einer fremden Sprache auf mein Handy einredend, stürme ich an der vollkommen konsternierten Servicedame vorbei. Den Gesuchten finde ich in der Hutabteilung, sich köstlich über englische Damenhüte amüsierend.
In der Kabine liegen derweil von Argusaugen bewacht Handtasche, Pullover und T-Shirts nebst Nummernschild. Die Angestellte steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wahrscheinlich wird sie noch ihren Enkeln von ihrer Begegnung mit einem „Alien“ erzählen.
* Die Besitzerin des Handys spielt Orgel.
Donnerstag, 19. Juli 2007
es war einmal
Es war einmal eine Postfiliale. Ein trister Raum mit zwei Schaltern. An einem der beiden schien das Schild „Schalter geschlossen“ fest montiert zu sein. Ein mürrischer, überforderter Postbeamter ging gemächlich seiner Arbeit nach. Die Kunden standen Schlange bis zur Tür hinaus. Aber das störte niemanden, es war ja eine Postfiliale.
Dann wurde die Filiale geschlossen. Sie war im Laufe der Jahre unrentabel geworden. Die Kunden beschwerten sich darüber, so sehr hatten sie sich an ihre Post gewöhnt.
Doch direkt gegenüber der ehemaligen Filiale gab es eine Lottoannahmestelle. Sie verwandelte sich in eine Postagentur mit Lottoannahmestelle. Ein offener Raum mit freundlicher Atmosphäre. Drei fröhlichen, kompetenten Angestellten ging die Arbeit leicht von der Hand. Niemand musste warten, außer vielleicht mal kurz vor Weihnachten. Die Kunden waren zufrieden und kamen von weither.
Dann bemerkte die Post, dass die Agentur rentabel geworden war. Sie übernahm sie und machte eine Postfiliale daraus.
Es gibt eine Postfiliale mit Lottoannahmestelle, direkt gegenüber der ehemaligen Postagentur. Ein trister Raum mit zwei Schaltern. An einem der beiden scheint das Schild „Schalter geschlossen“ fest montiert zu sein. Eine mürrische, überforderte Postangestellte geht gemächlich ihrer Arbeit nach. Die Kunden stehen Schlange bis zur Tür hinaus …
Immer wieder schön, wie du das Leben beschreiben kannst.
(Thorsten K.)
Feine Geschichten, immer amüsant zu lesen.
(Klaus J.)
Danke für deine stets kurzweiligen Geschichten, ich amüsiere mich gerne über Urlaub, Kantine und Co.
(Conny K.)
Deine Beiträge sind einfach köstlich. Ob Kantine oder Urlaub - genial!
(Ingo H.)
Unter dem Namen Piwi veröffentlicht die
Autorin schon seit einigen Jahren ihre
Alltagserlebnisse in der NewsGroup rz-talk.
Dort hat sie bereits eine treue Leserschaft
gefunden.
Mit leichter Feder und scharfem Blick für
kleine Details beschreibt sie Banales und
Kurioses aus ihrem täglichen Leben.
Jetzt hat sie erstmals ihre Texte in einem
Buch zusammengefasst.